Genossenschaftliche Werte in Kolumbien

Kolumbien ist ein Land mit großen wirtschaftlich, aber auch politisch einflussreichen Konglomeraten. Der Genossenschaftssektor findet auf Regierungsebene dagegen nur wenig Gehör. Hier gegenzusteuern, wenn auch mit eng begrenzten Mitteln und Möglichkeiten, ist das Ziel der Kooperation des DGRV mit seinen Partnern in Kolumbien.

Genossenschaften sind gerade für die marginalisierte Bevölkerung und hier wiederum vor allem im ländlichen Raum wichtig, zumal Kolumbien mit Brasilien zu den Ländern mit der ungleichsten Einkommensverteilung in Lateinamerika gehört.

Ein positives Beispiel einer funktionierenden Genossenschaft ist die Colanta. Der Name steht in Kolumbien nicht nur für eine potente Milchgenossenschaft, sondern hat einen Klang wie Volkswagen oder Siemens in Deutschland. Es steht für Qualität, hochwertige und sichere Lebensmittel. Colanta ist Teil der kolumbianischen Identität, ist doch ein guter Teil der Kolumbianer groß geworden mit Produkten dieser Milchgenossenschaft, die im Juni 1964 ganz klein in den Bergen unweit von Medellín im Departamento Antioquia begann.

65 meist verarmte Kleinbauern schlossen sich dort aus der Not zusammen und stellten sich dem damals bestehenden Oligopol in Produktion und Vertrieb der Milch entgegen. Die Milchwirtschaft warf bis dahin keine bedeutenden Einkommen für die Kleinbauern ab. Die Gewinne verblieben in wenigen, privaten Händen, die Gewinne der Zwischenhändler waren enorm und gingen zu Lasten der kleinen Produzenten.

„Colanta“ bedeutet ausgeschrieben Cooperativa Lechera de Antioquia, und ist heute in ganz Kolumbien vertreten. Ihre Produkte werden in eine Reihe von Ländern, unter anderem in die USA, exportiert. Colanta hat es als große Genossenschaft verstanden, sich als mitgliederbestimmtes und -orientiertes Unternehmen im Einklang mit betriebswirtschaftlicher Effizienz zu entwickeln.

Nach und nach wurden immer mehr Glieder der Wertschöpfungskette in das Unternehmen integriert. So konnte man dem Kostendruck in einem hart umkämpften Markt mit derzeit etwa 900 Unternehmen im Milchverarbeitungsbereich standhalten und Marktführer in mehreren Segmenten bleiben. 2,3 Millionen Liter Milch verarbeitet Colanta heute jeden Tag und versorgt seine rund 12.000 angeschlossenen Produzenten mit allem, was ein Landwirt braucht – von Düngemitteln bis zur individuellen Beratung und Betreuung oder Impfprogrammen.

Über ihre eigene Handelskette mit 45 Märkten für Landwirte und mit 72 regionalen Lebensmittelmärkten für das allgemeine Publikum und eine Kooperation mit der genossenschaftlichen Supermarktkette „Consumo“ werden sowohl Mitglieder als auch Nicht-Mitglieder erreicht.

Die vielseitige Produktpalette umfasst neben Milch und Molkereiprodukten auch Wurst- und Fleischwaren. Ein eigener, moderner und hohen Hygienestandards genügender Schlachtbetrieb gehört ebenso zur Genossenschaft wie eine Wurst- und eine Fleischverarbeitungsfabrik für Rind-, Schweine- und Schaffleisch. Insgesamt verfügt Colanta über neun regionale Produktionsstandorte für Milch- und Fleischwaren.

Das Klima in der bergigen Umgebung Medellíns mit grünen Höhenlagen zwischen 2.000 und 2.500 Metern über Normalnull eignet sich heute hervorragend zur Viehzucht. Dabei waren noch vor 40 Jahren die Böden im Norden Medellins, der Heimatregion Colantas, durch die intensive Suche nach Bodenschätzen völlig degradiert.

Der Ertrag einer Kuh lag damals bei etwa 4 Liter pro Tag. Erst die Nutzung von Gülle aus der Schweinezucht machte aus kargen Böden die heute durchgängig grünen Landschaften. Aus einer armen, marginalisierten Gegend mit hohem Migrationsdruck hat so vor allem die Colanta im Laufe der Zeit einen vergleichsweise wohlhabenden Landstrich gemacht.

Aus der regionalen Wirtschaft ist Colanta nicht mehr wegzudenken. Die Genossenschaft ist in vielen Landstrichen Antioquias sogar Herzstück und Motor der lokalen Entwicklung. Viele Familien erwirtschaften in dieser Gegend entweder als Produzenten (12.000) oder Angestellte (6.000) von Colanta ihr Einkommen. Sie sparen mit der von der Milchgenossenschaft inzwischen abgespaltenen Kreditgenossenschaft „Colanta Ahorro y Crédito“ und nutzen für Zahlungen und Barabhebungen an Geldautomaten deren Debitkarte, die von Visionamos – Partner des DGRV in Kolumbien – herausgegeben wird. Damit ist sie gleichzeitig über das so genannte „Red Coopcentral“ vernetzt mit einer Reihe weiterer Spar- und Kreditgenossenschaften im ganzen Land.

Im Oktober des vergangenen Jahres konnten sich Vertreter der deutschen Genossenschaftsorganisation am Rande eines Kongresses in Medellín ein Bild vom betriebswirtschaftlichen und genossenschaftlichen Erfolg von Colanta machen. Die Mitarbeiter von Colanta interessierten sich in vielen Gesprächen vor allem für die Bereichen Tierwohl und Tiergesundheit – wesentliche Themenfelder, die auch heute in Deutschland im Fokus der Öffentlichkeit stehen.

Medellín ist bei landesweiten Operationen weiterhin Sitz von Colanta. Von hier aus werden die strategischen Entscheidungen vorbereitet. Die Mitgliederversammlung von Colanta ist eine der bestbesuchten des Landes – ein wirklich mitgliederbestimmtes Unternehmen ist in Kolumbien eher selten.

Erst im vergangenen Jahr als weltweit innovativste Stadt gekürt, ist Medellin heute eine moderne Stadt (2,5 Millionen Einwohner) mit ausgewogener Wirtschafts- und effizienter Infrastruktur und in welcher seit langem Maßnahmen zum sozialen Ausgleich ergriffen werden. Dennoch sind ganze Stadtviertel mit Finanzdienstleistungen völlig unterversorgt, während andere mit hohen Einkommen mit Banken und Kassenautomaten überversorgt sind.

Hier knüpft das vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) finanzierte Projekt des DGRV an: Es unterstützt die Spar- und Kreditgenossenschaften, die Beiträge zur finanziellen Einbindung der Bevölkerung und Versorgung von Kleinstunternehmern mit Krediten leisten. Strategische und finanzielle Planung, Mikrokredit-Scoring, Finanzindikatoren und Internes Kontrollsystem sind einige der Felder, die von den lokalen Beratern bearbeitet werden. Aktivitäten mit dem Dachverband Confecoop – dem „kolumbianischen DGRV“ – und mit der Aufsichtsbehörde SES runden das Projektportfolio ab.

Autoren: Matthias Arzbach und Verena Schütz
Quelle: Bankinformation 5/2015, www.bankinformation.de

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