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Gemeinschaftlich, solidarisch, ehrlich


Ein Beitrag von Edith Gmeiner, Referentin Presse und Öffentlichkeitsarbeit bei Fairtrade Deutschland


Verschiedene Fairtrade-Produkte und Siegel (Credit: Fairtrade Deutschlande.V. / IlkayKarakurt)

Verbraucher*innen möchten heute zunehmend nach ethischen Gesichtspunkten Produkte kaufen, die nicht auf Kosten von Mensch und Umwelt hergestellt wurden. Daher ist es Ziel von Fairtrade, Kleinbäuer*innen und Beschäftigte auf Plantagen in Afrika, Asien und Lateinamerika zu fördern und die Arbeits- und Lebensbedingungen dort zu verbessern.

Rund 1,5 Milliarden Menschen leben weltweit in kleinbäuerlichen Haushalten. Sie leisten einen wichtigen Beitrag zur Nahrungsmittelversorgung weltweit. Doch die Machtverhältnisse des globalen Handelssystems sind ungleich verteilt. Mit schwerwiegenden Folgen: Die Menschen am Anfang der Lieferkette − vor allem in Ländern des globalen Südens − haben kaum Einfluss auf die Handelsstrukturen und kämpfen mit prekären Arbeits- und Lebensverhältnissen. Zudem sind kleinbäuerliche Betriebe von der Klimakrise am härtesten betroffen. Wetterextreme wie Starkregen und Dürren bedrohen Aussaat und Ernten und damit Existenzen. „Fairtrade hat sich zum Ziel gesetzt, dass Produzent*innen aus Afrika, Asien und Lateinamerika zu einer einflussreicheren Kraft werden, Veränderungen anstoßen und selbstbestimmt ihre Zukunft gestalten“, betont Claudia Brück, Vorständin von Fairtrade Deutschland.

Rund 1,7 Millionen Bäuer*innen sowie Beschäftigte auf Plantagen aus 72 Anbauländern sind Teil der Fairtrade-Bewegung. Mit 90 Prozent machen Kleinbäuer*innen den größten Teil der Menschen aus, mit denen Fairtrade zusammenarbeitet.

Gemeinsam stärker


Hinter dem bekannten Siegel stehen international gültige Standards. Alle Akteure entlang der Wertschöpfungskette müssen sich entsprechend zertifizieren lassen. Neben dem Verbot ausbeuterischer Zwangs- und Kinderarbeit sowie Kriterien zu Arbeits-, Umwelt- und Ressourcenschutz enthält der Standard für kleinbäuerliche Produzentenorganisationen auch Regeln zu Organisation und Management. Erzeuger*innen schließen sich hier in gemeinschaftlich wirtschaftenden Organisationen wie Genossenschaften zusammen. Das ist ein Kernelement der Fairtrade-Standards und keineswegs Selbstzweck. „Genossenschaften fördern Selbstbestimmung, Professionalisierung und wirtschaftliche Stabilität der Kleinbäuer*innen“, so Brück. Die kooperative Struktur ermögliche gemeinschaftliche Anschaffungen, verbessere den Zugang zu Finanzmitteln, Marktinformationen und Verhandlungsmacht. Durch den Austausch und Wissenstransfer untereinander erweitern die Bäuer*innen ihr Fachwissen, verbessern Anbaupraktiken, ergreifen Maßnahmen zur Anpassung an Klimaveränderungen und steigern Qualität und Ernteerträge.

Baumwollfabrik in Indien (Credit: Fairtrade Deutschland e.V. / Anand Parma)

Eine aktuelle Studie zum Einfluss von Fairtrade auf ländliche Entwicklung bestätigte jüngst, dass die Einhaltung der Fairtrade-Kriterien die Entwicklung guter stabiler Organisationen fördert. Das wiederum ist eine Prämisse für Krisenfestigkeit und Nachhaltigkeit. Die Studie verglich Fairtrade-zertifizierte Kooperativen mit solchen ohne Zertifizierung. Die untersuchten Fairtrade Kooperativen zeichneten sich durch eine gute Unternehmensführung aus – beispielsweise durch bessere Transparenz und demokratische Entscheidungsfindung –, so die Ergebnisse des Instituts Mainlevel, das die Studie durchgeführt hat. Das befördere Nachhaltigkeit insgesamt, da die Genossenschaften Entscheidungen in Bezug auf Umwelt, Soziales und Wirtschaft gemeinsam treffen und
umsetzen müssen. Auch bei Themen wie Geschlechtergerechtigkeit, Sicherheit am Arbeitsplatz und Gesundheitsmaßnahmen schnitten zertifizierte Organisationen in der Studie im Vergleich besser ab, so die Untersuchung.

Insbesondere in Krisenzeiten zeige sich, „dass Fairtrade die wirtschaftliche Resilienz der Bäuerinnen und Bauern erhöht und sie dabei unterstützt, ihren Beruf auch in schwierigen Zeiten weiter auszuüben“, erläuterte Tatjana Mauthofer, eine der Autorinnen der Studie.

Ein weiteres Element von Fairtrade sorgt für mehr Widerstandsfähigkeit vor Ort: „Die Studie zeigt, dass die beiden Fairtrade-Mechanismen − Mindestpreis und Prämie − ein entscheidendes Sicherheitsnetz für die Landwirtinnen und Landwirte, ihre Organisationen und letztlich auch für ihre Gemeinden darstellen“, so Mauthofer.

Der Fairtrade-Mindestpreis deckt die Kosten einer nachhaltigen Produktion und gibt Sicherheit, wenn Preise an den Rohstoffbörsen sinken. Bei Preisen über diesem Mindestpreis erhalten die Kooperativen den höheren Preis. Die Prämie erhalten die Organisationen immer zusätzlich zu den Erzeuger*innenpreisen. Gemeinsam entscheiden die Mitglieder, wie diese Prämiengelder eingesetzt werden sollen: für Transportmittel, Lagerhallen, eine Krankenstation oder Schulgelder. Wo Investitionen benötigt werden, wissen die Menschen vor Ort selbst am besten.

Rosenanbau in Kenia (Cedit: Fairtrade Deutschland e.V)

Wer fair handelt, lebt „fairan“


Auch im globalen Fairtrade-System ist die Mitbestimmung der Erzeuger*innen auf allen Ebenen gewährleistet: Die Produzentennetzwerke aus Afrika, Asien und Lateinamerika halten 50 Prozent Stimmanteil in allen internationalen Entscheidungsgremien des Dachverbands Fairtrade International und gestalten den fairen Handel damit aktiv und gleichberechtigt mit.

Gemeinschaftlich und solidarisch lässt sich viel bewegen. Im Jubiläumsjahr − 30 Jahre nach Gründung von Fairtrade Deutschland − ist der Gemeinschaftsgedanke auch hierzulande nicht mehr wegzudenken.

Der faire Handel lebt von gemeinsamen Aktivitäten: in Fairtrade-Towns, Fairtrade-Schools und Universities, die sich lokal für den fairen Handel einsetzen und in den Mitgliedsorganisationen von Fairtrade Deutschland, zu denen auch der DGRV gehört.

Überall seien Menschen aktiv für mehr globale Gerechtigkeit, so Brück: „Wir haben anlässlich unseres Jubiläums sogar einen neuen Begriff dafür erfunden: Alle, die sich im Alltag und darüber hinaus für mehr fairen Handel einsetzen, leben „fairan“: Das Wort steht für eine Haltung, die uns verbindet und die Überzeugung, dass uns globale Solidarität in eine nachhaltige Zukunft führt.“

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