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Genossenschaftliche Architektur


Ein Beitrag von Dr. Enrico Hochmuth, Arbeitskreis Industriekultur an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig (Fakultät Informatik und Medien), für unser Fachmagazin PerspektivePraxis.


Das Selbstverständnis und unternehmerische Erscheinungsbild heutiger Genossenschaften basiert zu einem nicht unerheblichen Teil auf ihrer Tradition. Seit dem 19. Jahrhundert wirken sie an der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Gestaltung der Gesellschaft mit. Sie prosperierten in verschiedenen Branchen und ihr großer ökonomischer Erfolg wurde immer mehr an ihren Gebäuden in den Städten und ländlichen Regionen Deutschlands erkennbar.

Der Gründungsboom und die stark steigenden Mitgliederzahlen nach Verabschiedung des Genossenschaftsgesetzes im Jahr 1889 stärkten die wirtschaftliche Bedeutung der Genossenschaftsbewegung und damit auch deren Gestaltungsmöglichkeiten. Der gesellschaftsverändernde Anspruch der Genossenschaften, ihr Selbtverständnis auf der Höhe der Zeit zu sein und ein auf den steigenden Mitgliederzahlen fußendes Selbstbewusstsein spiegeln sich in ihrer Architektur wider.

Gemischter Stil


Insbesondere die Wohnungs- und Konsumgenossenschaften besitzen bis heute eine flächendeckende und oft stadtbildprägende Bedeutung. Beim genossenschaftlichen Wohnungsbau wurden allgemeine Prinzipien des sozialen Wohnungsbaus beispielhaft umgesetzt. Aufgrund ihrer Raumaufteilung, der hygienischen Bedingungen und überwiegend auch wegen ihrer Gesamtanlage galten genossenschaftliche Wohnungen als modern. Dem „Neuen Bauen“ im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts standen Genossenschaften durchaus offen gegenüber.

Die Genossenschaften haben mit ihrer Bausubstanz damit auch einiges zum Bauhausjahr 2019 beizutragen. Schon früh wurden Architekten in die Bautätigkeit einbezogen, die prägend für die Moderne waren. Max Taut errichtete in Berlin ein Kaufhaus für die örtliche Konsumgenossenschaft und Walter Gropius ein Gebäude für die Konsum Dessau-Törten.

Daneben orientierte sich der genossenschaftliche Wohnungsbau aber auch am Reform- oder Art-déco-Stil. Bei der Umsetzung der aus England stammenden Gartenstadtidee setzten Genossenschaften Standards. Die Gartenstadt Hellerau in Dresden dürfte das bekannteste Beispiel sein. Hier errichtete die Genossenschaft 336 Wohnhäuser mit Gärten und 345 unterschiedlich große Wohnungen. Neben einem Anschluss an die Kanalisation besaßen die Gebäude ein Innenklosett, einen Gasanschluss und elektrisches Licht. Damit folgte die Baugenossenschaft den Ideen der neuen Stadtplanung, die auf die schlechten Wohn- und Lebensverhältnisse der Menschen in den Städten reagierte.

Repräsentative Wirtschaftsbauten


Konsumgenossenschaften errichteten wiederum in vielen Städten Handels-, Lager- und Produktionsgebäude. Um 1900 waren Läden, Lager und Verwaltungsräume in – nicht selten eigens errichteten – Wohnhäusern untergebracht. Auch kleinere Produktionsbetriebe für Lebensmittel waren hier oft angegliedert. Der Mitgliederzuwachs, Zusammenschlüsse einzelner Genossenschaften oder die Gründung von Großeinkaufsgemeinschaften ermöglichten schon bald Investitionen in größere Bauten. Es folgten Lager- und Fabrikbauten mit zum Teil riesigen Ausmaßen. Das innerhalb der Genossenschaften gewachsene Selbstbewusstsein wurde in eine avantgardistische Repräsentationsarchitektur übersetzt, die Ausdruck einer fortschrittlichen Wirtschaftsform und eines gesellschaftsverändernden Anspruchs sein sollte. Am bekanntesten sind sicherlich die Industriekomplexe der „Großeinkaufs Gesellschaft Deutscher Consumvereine“ (GEG) in Hamburg, Mannheim und Riesa. Oder die kühnen Konsumbauten in Wuppertal, Dresden und Leipzig. Wie historische Werbemittel zeigen, wurde die Architektur schon damals gezielt in das Marketing integriert und Teil genossenschaftlicher Imagekampagnen.

Damit griffen Genossenschaften etwas auf, was wir heute unter dem Namen Corporate Architecture kennen. Architektur ist damit Bestandteil der nonverbalen Kommunikation und – ganz generell – der Außendarstellung eines Unternehmens. Die Corporate Identity bezieht so im Rahmen eines durchkomponierten Corporate Designs auch die Architektur mit ein. Das Gebäude wird zum Träger einer Idee. Und die genossenschaftliche Idee von damals lässt sich in der Architektur der genossenschaftlichen Gebäude wiedererkennen.

Buchempfehlung


In dem Buch „Kooperativ wirtschaften – modern bauen. Die Architektur der Genossenschaften in Sachsen“ werden exemplarisch Bauten von unterschiedlichen Genossenschaftstypen vorgestellt. Dabei wird aufgezeigt, wie der Forderung nach gesunden und hygienischen Wohnräumen oder Arbeitsplätzen Rechnung getragen wurde. In dem reich bebilderten Werk mit Katalogteil wird zwar auf das Land Sachsen fokussiert, es werden aber auch Beispiele aus dem gesamten deutschen Raum vorgestellt. Sachsen war in vielerlei Hinsicht ein Zentrum der genossenschaftlichen Entwicklung. Dort konzentrierte sich eine Vielzahl genossenschaftlicher Produktionsstätten. Der genossenschaftliche Wohnungsbestand in Leipzig und Dresden ist immer noch der höchste in Deutschland.

Grundsätzlich sind die Erkenntnisse aus Sachsen in vielerlei Hinsicht für den gesamten deutschen Raum zutreffend. So finden sich im ersten Teil des Buches auch Beispiele für Fabrik- und Wirtschaftsgebäude aus ganz Deutschland, ebenso verhält es sich mit den Quartieren und Gartenstädten der Wohnungsgenossenschaften. Der soziale und damit auch architektonische Anspruch lässt sich also dahingehend verallgemeinern. Die Konzentration auf Sachsen (im zweiten Teil des Buches) ist auch der besonderen Verdichtung genossenschaftliche Aktivitäten dort im betreffenden Zeitraum geschuldet.

„Kooperativ wirtschaften – modern bauen. Die Architektur der Genossenschaften in Sachsen“, von Dirk Schaal u. Enrico Hochmuth
ISBN 978-3-96311-051-1, 16,00 Euro.

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