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Kooperation, die bleibt


Ein Beitrag von Aljoscha Warych, Projektmanager Südafrika, Abteilung internationale Beziehungen beim DGRV

Genossenschaftlicher Inkubator für die Bäckerei‑ und Lebensmittelbranche in Südafrika


In der Marktwirtschaft spielen Inkubatoren eine wichtige Rolle. Dabei werden Unternehmen in der Frühphase mit Ressourcen und Mentoringprogrammen begleitet, damit sich die Geschäftsideen junger Unternehmen entfalten können, bis die von besonders hohen Insolvenzquoten gekennzeichnete Gründungsphase überstanden ist. Vielen ist das Konzept vor allem aus dem Start-up- Bereich in Deutschland bekannt, es wird aber auch sehr erfolgreich in der genossenschaftlichen Entwicklungsarbeit eingesetzt. So etwa durch den Bakery & Food Technology Incubator of South Africa (BICSA), mit dem junge Bäckereien, Caterer und andere Lebensmittelproduzenten gefördert und von der Idee bis zur profitablen Positionierung am Markt begleitet werden.

Was ist BICSA?


Absolventin der BICSA-Kurse

BICSA ist heute Südafrikas einziger spezialisierter Inkubator für Bäckerei? und Lebensmitteltechnologie für Genossenschaften und Klein- und Kleinstunternehmerinnen und -unternehmer in der Lebensmittel-, und Hospitality-Wirtschaft. BICSAs Wurzeln reichen dabei bis 2005 zurück: Damals schlossen sich DGRV, die staatliche Small Enterprise Development Agency (SEDA; heute SEDFA) und die South African Chamber of Baking zusammen, weil kleine genossenschaftlich organisierte Bäckereien häufig keinen Zugang zu
Training, Finanzierung und technischer Expertise hatten. Diese Initiative wurde dabei insbesondere zu Beginn intensiv durch die BÄKO-ZENTRALE eG unterstützt und brachte so das Knowhow des deutschen Genossenschaftssektors mit der Förderung durch den südafrikanischen Staat und der lokalen Zielgruppe zusammen. Im Jahre 2014 erfolgte dann die Gründung von BICSA als Non-Profit-Organisation und erweiterte den Fokus über Bäckereien hinaus auf Lebensmittelproduktion und Gastgewerbe.

Herzstück des Projekts ist ein dreijähriges Inkubationsprogramm mit anschließender Nachbetreuung von zwei Jahren. Neben der Beratung rund um die Gründung als Genossenschaft und resultierenden Fragen der Good Governance kombiniert es technische Produktionsunterstützung, betriebswirtschaftliches Mentoring, Hilfe beim Marktzugang sowie Begleitung bei Compliance- und Zertifizierungsfragen – also genau jene Bausteine, die darüber entscheiden, ob ein guter Produktansatz auch zu einem tragfähigen Geschäftsmodell wird. BICSAs Arbeit setzt dabei an konkreten Bedarfen entlang der Wertschöpfungsketten an: Von  Lebensmittelsicherheit und Produktqualität über Prozess- und Anlagenfragen bis hin zu Managementzahlen, Businessplänen und Finanzierungsanträgen.  

Initialzündung für langfristigen Erfolg


Wie greifbar diese Unterstützung ist, zeigte sich im November 2025 bei dem Besuch einer Delegation des deutschen Genossenschaftssektors – mit dabei Jan Holthaus, Vorstand des DGRV. Gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern der GESTE‑Stiftung und des BVR ging es darum, Partnerschaften zu vertiefen und die Wirkung langfristiger, vertrauensbasierter Zusammenarbeit vor Ort greifbar zu machen. In Südafrika traf unsere Gruppe auf ein Beispiel, wie die „Hilfe zur Selbsthilfe“ im genossenschaftlichen Verständnis aussieht.

Bei einer Abschlussfeier für Absolventen des Inkubationsprogrammes der BICSA-Niederlassung in Tshwane ermutigte eine Absolventin andere junge Menschen zum Unternehmertum: Selbst kleine staatliche Unterstützungsleistungen, wie etwa die ca. 20 Euro monatliche Nothilfe während der COVID-19 Pandemie, sollten als „Saatkapital“ verstanden werden – und damit Schritt für Schritt ein eigenes Einkommen aufzubauen. Ihr eigener Weg begann nach erfolgloser Jobsuche mit dem Verkauf von Scones an Taxiständen; heute führt sie eine Bäckerei und ein Restaurant in Bapong und beschäftigt sechs Mitarbeitende. Sie produziert rund 100 Brote pro Tag und beliefert unter anderem kleine Imbisse – ein Beispiel dafür, wie Qualifizierung, Unternehmergeist und Marktzugang zusammenwirken.

Absolvent:innen und Mitarbeiter der BICSA-Kurse – „Incubees“ genannt

BICSA und der DGRV, gemeinsam mit unseren südafrikanischen und deutschen Partnern, haben im vergangenen Jahrzehnt hunderte Genossenschaften und andere KKMUs begleitet, Finanzierung mobilisiert, Arbeitsplätze geschaffen und Netzwerke aufgebaut, die den so wichtigen Marktzugang ermöglichen. Dass diese Form der Unterstützung, – Entwicklungszusammenarbeit des DGRV mit finanzieller Hilfe des Bundesentwicklungsministeriums – tatsächlich wirkt, brachte ein weiterer Absolvent so auf den Punkt: Er sei „ein Produkt der Unterstützung“ – sein Beispiel zeige, dass Programme wirken können, wenn sie nah an der Praxis sind und konsequent umgesetzt werden.

Von zentraler Bedeutung in der Projektarbeit des DGRVs ist dabei stets, von Beginn an die letztendliche Unabhängigkeit unterstützter Genossenschaften und deren Strukturen mitzudenken. So gilt es Anreize zu schaffen, lokale Trägerstrukturen frühzeitig so zu professionalisieren, dass sie nach Ende der Zusammenarbeit eigenständig funktionieren. Bei BICSA bedeutete das: Während sich die anfängliche Förderung durch den DGRV schrittweise reduzierte – zunächst die finanzielle und dann auch die technische Förderung – stellte BICSA auf ein selbsttragendes Modell um: Durch bezahlte Dienstleistungen werden Entwicklungsleistungen quersubventioniert; durch die gemeinnützige Organisationsform werden Überschüsse reinvestiert, statt ausgeschüttet.

So sind im Fall von BICSA schließlich hauptsächlich zwei Erfolgsfaktoren identifizierbar: Erstens blieb die fachliche und strategische Begleitung über Beziehungen, Mentoring und Branchennetzwerke der Gründungspartner auch im neuen Geschäftsmodell erhalten. Zweitens hat BICSA auf sich verändernde Rahmenbedingungen unternehmerisch reagiert und neue Einnahmequellen erschlossen. Hier zeigt sich, dass der Aufbau eines wirtschaftlich tragfähigem Geschäftsmodell mit starker genossenschaftlicher Good Governance eine zentrale Entwicklungsleistung ist.


Regionale Kuchenspezialität (Käsekuchen mit Birne)

Die Delegation konnte die Wirkung der Projektarbeit des DGRVs und der Arbeit von BICSA anlässlich des Besuches zur Abschlussfeier des ersten Jahrgangs am neu eröffneten BICSA-Standort in Durban an weiteren Beispielen erleben. Eines davon ist die Vukayibambe Bakery Co-operative im KwaMashu Township von eThekwini. Im Zuge der landesweiten Unruhen, die 2021 nach der Inhaftierung des ehemaligen Präsidenten Jacob Zuma ausgebrochen waren, fiel sie Plünderungen zum Opfer und konnte danach den Betrieb nicht wieder aufnehmen. Nach zwei Jahren Stillstand wurde die Genossenschaft durch ein einmonatiges Aufbauprogramm wieder betriebsfähig gemacht und beliefert heute mehrere Supermarkt-Filialen. In einem anderen Fall unterstützte BICSA ein Vorhaben im ländlichen Raum, bei dem eine solarbetriebene Bäckerei nicht nur Einkommen schafft, sondern die Ernährungssicherheit in einem unterversorgten Gebiet verbessert. Solche Fälle zeigen: Wenn Standards, Prozesse und Marktzugänge sitzen, entstehen Beschäftigung und Perspektiven – und das dauerhaft.

Exzellent durch (internationale) Kooperation


Der Besuch in Südafrika machte für uns auch wieder einmal deutlich, was Delegationsreisen leisten können: Sie verbinden strategische Diskussionen mit einer Realität, die man nicht aus Berichten herauslesen kann. Jan Holthaus brachte das mit einem Satz auf den Punkt: „Cooperation is not an abstract idea; it is the lived experience of working together.“ Bei BICSA ist genau diese „gelebte Kooperation“ sichtbar – als Institution, die aus einer Projektphase herausgewachsen ist und heute landesweit als Exzellenzzentrum wirkt.

Auch BICSA-CEO Ansi Potgieter betonte bei der Abschlussfeier den Wert internationaler Partnerschaften. Gerade das „internationale Know-how“ und verlässliche Unterstützungssysteme seien für die Arbeit von BICSA sehr wertvoll – als Brücke in Netzwerke, Standards und Lernräume. Dieser Aspekt ist für den DGRV zentral: Entwicklungszusammenarbeit kann dann besonders nachhaltig sein, wenn sie lokale Träger stärkt und gleichzeitig internationale Verbindungen so nutzt, dass Kompetenz im Land verbleibt.“

Was vor Ort besonders auffiel, war die Professionalität, mit der BICSA technische Beratung und betriebswirtschaftliche Begleitung verzahnt. In Gesprächen wurde deutlich, dass viele kleine Lebensmittelbetriebe an denselben Schwellen scheitern: unklare Kalkulation, fehlende Produktionsstandards, zu wenig Dokumentation für Betriebsprüfungen oder ein Produkt, das zwar gut ist, aber nicht konstant reproduzierbar. BICSA setzt genau dort an – mit Trainings, Produktionscoaching, Qualitäts- und Hygienechecks sowie Unterstützung bei der Vorbereitung auf Zertifizierungen.

Gleichzeitig stärkt der Inkubator die unternehmerische Seite: Management Accounts, Finanzierungsvorhaben, Businesspläne und Marktgespräche werden nicht als „Papierarbeit“ verstanden, sondern als Voraussetzung, um Investitionen anzuziehen und Wachstum verantwortungsvoll zu steuern. BICSA misst Wirkung unter anderem über geschaffene und gesicherte Arbeitsplätze und begleitet Unternehmen auch nach Abschluss der Inkubation weiter, damit Wachstum nicht an der ersten Expansionsphase scheitert. 

In der Diskussion mit der Delegation ging es auch um die Frage, was Institutionen wie BICSA für genossenschaftliche Strukturen bedeuten. Denn gerade Genossenschaften und gemeinschaftsbasierte Unternehmen profitieren davon, wenn technische Standards und Governance-Routinen zusammen gedacht werden: Nur wer Qualität liefert und Risiken steuert, kann verlässlich Märkte bedienen und Mitglieder dauerhaft fördern. I. In diesem Sinne ist BICSA nicht „nur“ ein Inkubator, sondern ein Baustein einer breiteren Sozialstrukturförderung: Er professionalisiert ein Ökosystem, in dem genossenschaftliche Initiativen wachsen können und zu wirtschaftlich aktiven Genossenschaften werden, die einen echten Beitrag für resiliente lokale und nationale Wertschöpfungsketten sowie zur dauerhaften Verbesserung der Lebensumstände vor Ort leisten.

Übergabe zur erfolgreichen Aus-bzw Weiterbildung von Gastrogenos und entrepreneuers. Ms Potgieter (BICSA CEO), Jan Holthaus, Absolventin, Partner Regierungsdepartment

Vom Entwicklungsprojekt zum Partner


BICSA steht exemplarisch für den Ansatz, den der DGRV in seiner weltweiten Arbeit verfolgt: Von Beginn an konsequent auf lokale Eigentümerschaft achten, echte Mehrwerte für Mitglieder schaffen und belastbare Governance sicherstellen. So werden Genossenschaftssektoren und -strukturen auch lange nach Ende der direkten Förderung eines Partners gestärkt und weiterentwickelt.

BICSA will seine Programme weiter ausbauen, Partnerschaften im Bäckerei- und Lebensmittelsektor vertiefen und zusätzliche regionale Hubs aufbauen, um mehr Unternehmerinnen und Unternehmer zu erreichen – ausdrücklich auch außerhalb von städtischen Zentren. Für den DGRV bleibt ein weiterer, nun unabhängiger Partner auf Augenhöhe, der das genossenschaftliche System in Südafrika auch auf lange Sicht fördern und stärken wird. Gleichzeitig dient es als Motivation, frei gewordene Kapazitäten auf andere Sektoren und Zielgruppen zu konzentrieren, in denen Genossenschaften noch keine vergleichbaren Strukturen zur Seite stehen. Wie im Beispiel BICSA gilt es nun hier, gemeinsam mit nationalen und internationalen Partnern Institutionen und Strukturen aufzubauen, die genossenschaftliche Systeme langfristig und nach anfänglicher Förderung unabhängig vom DGRV stärken. Durch diesen Ansatz an die Förderung grundlegender Strukturen entsteht ein doppelter Effekt: Genossenschaften werden professioneller und wettbewerbsfähiger, und zugleich wächst ein gestärktes Genossenschaftssystem heran, das Wissen, Netzwerke und Qualitätsmaßstäbe dauerhaft verfügbar macht. BICSA ist damit ein Beispiel dafür, dass das Ende der direkten Förderung nicht das Ende der Zusammenarbeit sein muss. Es kann auch den Übergang in eine neue Rolle markieren: vom Projektträger zum Netzwerkpartner. So ist BICSA auch ein Beleg dafür, dass genossenschaftliche Strukturen auch nach dem Ende der Förderung mit hoher Wirkung im Land bestehen bleiben.

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