Ein Beitrag von Andreas Kappes, Leiter der Abteilung internationale Beziehungen beim DGRV
Am 4. November wurde in Doha das Internationale Jahr der Genossenschaften 2025 feierlich abgeschlossen. Im Rahmen des World Summit for Social Development verabschiedeten die Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen eine politische Erklärung, die die zentrale Rolle von Genossenschaften innerhalb der Sozial- und Solidarwirtschaft hervorhebt und ihren Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung anerkennt. Auch wir als DGRV und die deutsche Genossenschaftsorganisation haben dieses besondere Jahr – das zweite Internationale Jahr der Genossenschaften nach 2012 – aktiv genutzt. Mit unserer genossenschaftlichen Entwicklungsarbeit arbeiten wir Tag für Tag daran, genossenschaftliche Strukturen weltweit zu stärken, damit Menschen ihr Leben selbstbestimmt gestalten können. Unsere vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) sowie vom Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat geförderten Genossenschaftsprojekte entfalten ihre Wirkung dann, wenn sie langfristig angelegt und partnerschaftlich umgesetzt werden.
Es geht uns dabei nie nur um einzelne Genossenschaften. Unser Ziel ist es, dass unsere Partnerinnen und Partner die genossenschaftlichen Strukturen in ihren Ländern insgesamt stärken. So unterstützen wir als AIB gemeinsam mit unseren Partnerorganisationen in Afrika, Asien und Lateinamerika den Ausbau leistungsfähiger Genossenschaftsverbände, begleiten ausgewählte Genossenschaften beim Aufbau tragfähiger Geschäftsmodelle und setzen uns gegenüber staatlichen Institutionen für bessere Rahmenbedingungen ein.
Wir müssen uns globalen Herausforderungen stellen, die uns auch in Deutschland immer umfassender betreffen: Klimawandel, weltweit zunehmende Migrationsbewegungen, fragiler werdende Staaten. Dabei zeigt sich: Starke Strukturen im Globalen Süden sind auch in unserem Interesse. Sie schaffen Perspektiven vor Ort, stabilisieren Märkte, mindern Fluchtursachen und eröffnen Chancen für faire Partnerschaften. Gerade in Zeiten, in denen über Kürzungen in der Entwicklungszusammenarbeit diskutiert wird, ist es wichtig zu betonen: Investitionen in solche Kooperationen sind Investitionen in unsere gemeinsame Sicherheit und nachhaltige wirtschaftliche und soziale Entwicklung – auch für uns in Deutschland.
Aber Entwicklung braucht Zeit. Die Ziele können nur mit langem Atem gemeinsam erreicht werden. Das BMZ ermöglicht uns diese zeitliche Perspektive und gibt Raum für Zusammenarbeit auf Augenhöhe direkt vor Ort. Grundlage dafür ist die sog. Sozialstrukturförderung (SSF) – ein Instrument der deutschen Entwicklungszusammenarbeit, mit dem das BMZ zivilgesellschaftliche Organisationen wie dem DGRV die Möglichkeit zur Durchführung von Partnerschaftsprojekten gibt. Ziel ist es, tragfähige Strukturen aufzubauen, die soziale Grundsicherung leisten und auch über einzelne Projekte hinaus langfristig wirksam sind.
Dank dieser Förderung können wir als DGRV in über 20 Ländern partnerschaftlich mit Organisationen zusammenarbeiten. Unser Ziel: Die unternehmerische Idee der Genossenschaft so zu stärken, dass sie von breiten Schichten der Bevölkerung weltweit genutzt wird. Für uns bedeutet Sozialstrukturförderung: Wir bauen keine Projekte um einzelne Genossenschaften, sondern stärken Systeme. Dazu gehören klare Gesetze, Aufsicht und Prüfung, Beratung, Bildung und Digitalisierung. Wir arbeiten partnerschaftlich mit lokalen Organisationen, planen gemeinsam und setzen Vereinbartes auf Augenhöhe um.
Die nachfolgenden ausgewählten Beispiele sollen zeigen, wie wir das konkret machen.

Vertreibung reißt Lücken in Biografien, Einkommen und Netzwerke. Infolge jahrzehntelanger bewaffneter Konflikte, Landvertreibungen durch paramilitärische Gruppen, Armut oder den Auswirkungen des Drogenhandels sind in Kolumbien viele Menschen gezwungen, ihre Heimat zu verlassen.
Hier setzt „Apoyamos“ an – spanisch für „Wir unterstützen“. Der vom DGRV entwickelte Projektansatz fördert die Vernetzung von Kleinbäuerinnen und Kleinbauern und den Aufbau genossenschaftlicher Strukturen oder ähnlicher Mitgliederorganisationen. Ziel ist es, die wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit zu stärken, lokale Wertschöpfungsketten zu optimieren und langfristige Perspektiven zu schaffen. Menschen schließen sich zusammen, sparen gemeinsam, gründen Kleinunternehmen, vermarkten Produkte oder organisieren Dienstleistungen. Zusammen mit Partnerorganisationen aus dem Genossenschaftssektor unterstützen wir diese Gruppen dabei, sich zu stabilen Genossenschaften weiterzuentwickeln.
Vor Ort begleiten unsere Teams Gründungsprozesse, erklären Rechte und Pflichten, schulen Vorstände und Aufsicht, richten einfache Buchführung ein und öffnen Türen zu lokalen Finanzgenossenschaften. So entstehen nicht nur neue Existenzen, sondern auch tragfähige Netzwerke zwischen Produzentengruppen und bestehenden Genossenschaften – etwa in der Landwirtschaft, im Handwerk oder im Tourismus. Durch Kooperationen bei Einkauf, Vermarktung oder Weiterverarbeitung bleiben höhere Teile der Wertschöpfung bei den Produzentinnen und Produzenten selbst. Unsere Kollegin Kalina Nerger, stellvertretende Teamleiterin Lateinamerika, bringt es auf den Punkt: „Wenn Kleinbäuerinnen und Kleinbauern zusammenarbeiten und Netzwerke aufbauen, dann entsteht eine ganz neue Dynamik. Sie werden von Marktteilnehmenden zu Marktgestaltern.“ Genau das leisten Genossenschaften: Sie schaffen Einkommen, Zugehörigkeit und Sicherheit – und damit Würde. Das Konzept des Pilotprojekts aus Honduras hat mittlerweile auch in der Dominikanischen Republik, Mexico, Ecuador, Brasilien und Paraguay Einzug in die Arbeit vieler Partnerorganisationen des DGRV gefunden.
Indien – ein Land mit langer Genossenschaftstradition. Doch viele der traditionellen landwirtschaftlichen Genossenschaften wirken seit Jahren wenig mitgliederorientiert – bürokratisch, langsam und kaum innovationsfreudig. Ganz anders der Bereich der Selbsthilfegruppen: Sie entstanden seit den 1990er Jahren, werden zu rund 90 % von Frauen getragen und bilden heute ein dichtes Netzwerk lokaler Solidarität. Durch gemeinsames Sparen, Kleinkredite und die Gründung kleiner Einkommensinitiativen – etwa im Handwerk, in der Landwirtschaft oder im Handel – schaffen Millionen Frauen hier neue wirtschaftliche Perspektiven. Doch was beiden Sektoren gleichermaßen fehlt, sind verlässliche Strukturen für Aufsicht und Transparenz.
Im Mittelpunkt unserer Arbeit in Indien steht daher der sogenannte „Sector Own Control“ (SOC) Ansatz. Er verfolgt das Ziel, dass Selbsthilfegruppen und landwirtschaftliche Produzentenorganisationen ihre Aufsicht eigenständig übernehmen. Statt staatlicher Kontrolle entstehen so Genossenschaftssysteme, die vom Sektor selbst getragen werden.
Unsere Partnerorganisation APMAS in Telangana unterstützt Verbände dabei, Standards einzuführen, Prüferinnen und Prüfer auszubilden und Vorstände, Angestellte sowie Mitglieder so zu begleiten, dass Regeln nicht nur auf dem Papier stehen, sondern gelebte Praxis werden. Konkret heißt das: Vorstände lernen, Kennzahlen zu verstehen und Risiken frühzeitig zu erkennen. Angestellte werden in Buchhaltung und interner Kontrolle geschult. Mitglieder erfahren, wie sie ihre Rechte wahrnehmen können. Schlanke Werkzeuge – von der Kassenprüfung bis zur Risikomatrix über regelmäßige Mitgliederversammlungen – machen Abläufe transparent.
Das Ergebnis ist deutlich spürbar: Genossenschaften werden robuster und verlässlicher, und das Vertrauen von Mitgliedern, Kreditgebern und Behörden wächst. „Sector Own Control“ ist weit mehr als ein technisches Modell. Es ist ein Kulturwandel: Verantwortung übernehmen, klare Prüf- und Berichtsroutinen verankern, Mitgliedernähe sichern und Services wirksam organisieren. Auf diese Weise entstehen Strukturen, die auch nach Projektende selbstständig und nachhaltig weiterwachsen können.

Für Millionen Menschen in Afrika schaffen Genossenschaften den entscheidenden Zugang zu Finanzdienstleistungen, Märkten und Einkommen. Besonders Spar- und Kreditgenossenschaften sowie landwirtschaftliche Genossenschaften sichern Alltag und Zukunft vieler Familien. Doch damit sie ihr Potenzial voll entfalten können, brauchen sie stabile Strukturen, Vertrauen und starke Partner.
Genau hier setzen unsere Projekte an: Wir unterstützen Verbände, Prüfstellen und Modellgenossenschaften dabei, Standards umzusetzen, Mitglieder zu beraten und Aufsichtssysteme aufzubauen. In Uganda und Kenia arbeiten wir beispielsweise daran, Dachorganisationen und Aufsichtseinrichtungen so zu stärken, dass sie Verantwortung für den gesamten Sektor übernehmen – durch Beratung, Ausbildung und Interessenvertretung. Ergänzend entstehen thematische Modellgenossenschaften, etwa im Gesundheitswesen oder in der Jugendförderung, die zeigen, wie flexibel Genossenschaften auf neue gesellschaftliche Bedarfe reagieren können.
In Kenia konzentriert sich die Arbeit auf den Ausbau wirksamer Aufsichtsstrukturen, die Förderung von Jugend- und Gesundheitsgenossenschaften sowie die Stärkung von Frauen in Führungsrollen. Innovative Ansätze wie die Youth Service und Healthcare Worker Cooperatives zeigen, wie junge Menschen und Beschäftigte im Gesundheitswesen neue Formen wirtschaftlicher Teilhabe schaffen.
In Uganda liegt der Schwerpunkt auf dem Aufbau stabiler Sektorstrukturen und innovativer Genossenschaftsmodelle – etwa im Gesundheitsbereich, wo Health Cooperatives gemeinsam Zugang zu medizinischer Versorgung und Einkommen sichern. Ein Beispiel ist das UGANICS Women Empowerment Programme, dass Frauen durch unternehmerische Aktivitäten stärkt und lokale Wertschöpfung fördert.
Trotz herausfordernder Rahmenbedingungen wirken die Projekte. Genossenschaften in Uganda und Kenia sind wirtschaftlich stabiler, digitaler aufgestellt und sozial inklusiver geworden. Frauen und junge Menschen übernehmen zunehmend Führungsverantwortung, und die Verbände entwickeln sich zu tragenden Säulen des Sektors.

Langfristigkeit heißt jedoch auch für uns nicht „für immer“. Ein Projekt ist dann erfolgreich, wenn Partnerorganisationen stabil auf eigenen Füßen stehen und ihre Aufgaben selbst tragen. Genau an diesem Punkt ist es richtig, Verantwortung zu übergeben und ein Vorhaben zu beenden. Das ist kein Rückzug, sondern ein Erfolg: Ressourcen werden frei für neue Regionen oder Themen, während die Partner vor Ort eigenständig weitermachen. Für uns bedeutet das, gemeinsam geschaffene Strukturen loszulassen und zu wissen, dass sie auch ohne externe Unterstützung weiterwachsen. Aus partnerschaftlicher Zusammenarbeit, klaren Zuständigkeiten und dem Vertrauen darauf, dass lokale Organisationen die Verantwortung dauerhaft übernehmen können, entstehen nachhaltige Unternehmen und Wirtschaftsstrukturen.
Das Internationale Jahr der Genossenschaften 2025 hat den Blick weltweit auf eine zentrale Botschaft gelenkt: Genossenschaften verbinden wirtschaftliche Stärke mit sozialer Verantwortung und leisten damit einen wichtigen Beitrag zu den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen. Für den DGRV ist dieses Jahr Rückenwind und Verpflichtung zugleich – Rückenwind, weil es unsere Themen sichtbar macht, Verpflichtung, weil wir die Gelegenheit nutzen wollen, Genossenschaftssysteme weltweit weiter zu stärken.
Wir verspüren in diesem Jahr ein nochmal deutlich gestiegenes Interesse an unserer genossenschaftlichen Entwicklungsarbeit. Dieses gilt es auch zukünftig sicherzustellen, in einem für internationale Kooperation beständig schwieriger werdenden Umfeld.
International Genossenschaftliche Finanzinstitute für eine nachhaltige Entwicklungszusammenarbeit
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