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Mehr Öffentlichkeit


Ein Beitrag von Dr. Thomas Keiderling, Leitender Kurator des Deutschen Genossenschaftsmuseums im Schulze-Delitzsch-Haus, für das DGRV-Fachmagazin PerspektivePraxis.


Seit einigen Jahren bemüht sich die Schulze-Delitzsch-Gesellschaft als Betreiber des Deutschen Genossenschaftsmuseums besonders darum, neue und jüngere Zielgruppen für die genossenschaftliche Idee und als Nachwuchs für die genossenschaftliche Praxis zu gewinnen.


Im Vergleich zu Friedrich Wilhelm Raiffeisen ist der Genossenschaftspionier Hermann Schulze-Delitzsch weit weniger in der Öffentlichkeit bekannt. Aktuell sind 1.762 Straßen, Wege und Plätze in Deutschland nach Raiffeisen benannt. Lediglich 64 tragen den Namen Schulze-Delitzsch. Das liegt vor allem daran, dass viele Genossenschaften bis heute die Person Raiffeisen im Namen tragen. Mit Blick auf die Heimatregion Schulze-Delitzschs ist der schwierige Umgang der DDR mit der bürgerlichen Genossenschaftsidee und -tradition ein weiterer Grund für die geringe Aufmerksamkeit.

Es ist die Aufgabe der Deutschen Hermann-Schulze-Delitzsch-Gesellschaft, dies zu ändern. Das Anliegen der Gesellschaft ist es, das geistige Erbe von Schulze-Delitzsch – insbesondere sein wissenschaftliches und sozialpolitisches Engagement – zu bewahren. Getragen wird der Verein von privaten und institutionellen Mitgliedern. Darunter sind viele Genossenschaften und genossenschaftliche Organisationen.

Die Schulze-Delitzsch-Gesellschaft widmet sich zwei zentralen Kernaufgaben: Einerseits koordiniert und finanziert sie die Arbeit des Deutschen Genossenschaftsmuseums in Delitzsch. Der leitende Kurator, eine wissenschaftliche Mitarbeiterin und eine studentische Hilfskraft führen durch die Dauer- und Sonderausstellungen und leisten vor Ort die Netzwerk- und Öffentlichkeitsarbeit. Andererseits wird auch Facharbeit geleistet, insbesondere durch Publikationen des Vereins und die seit 1995 jährlich stattfindenden „Delitzscher Gespräche“, eine Fachtagung mit wechselnden genossenschaftlichen Inhalten.


In den letzten 25 Jahren wurden sehr praxisnahe und diskussionswürdige Themen aufgegriffen. So ging es unter anderem um die Rolle der Genossenschaften beim Übergang in die Marktwirtschaft nach 1989, um den genossenschaftlichen Förderauftrag  und eine zeitgemäße Kommunikation von Genossenschaften, um genossenschaftliche Antworten auf globale und regionale Herausforderungen oder um die Frage, ob die Genossenschaft ein alter- natives Wirtschaftsmodell ist. Die Veranstaltungen sind jedes Jahr gut besucht. Leider musste das diesjährige Delitzscher Gespräch aufgrund der Corona- Pandemie ausfallen. Dafür werden die geplanten Vorträge in der Schriftenreihe der Gesellschaft abgedruckt.

Das Museum ist aber nicht nur für den einfachen Besuch gedacht, sondern kann auch als Veranstaltungsplattform von Genossenschaften und insbesondere von den Auszubildenden in Genossenschaften genutzt werden. Hierfür werden die Räumlichkeiten kostenlos zur Verfügung gestellt. Um die Attraktivität des Museums als „Eventort“ zu erhöhen, wurde zudem der Veranstaltungsraum im Erdgeschoss mit großem Aufwand neu gestaltet und multimedial ausgestattet. Er bietet Platz für fünfundzwanzig bis dreißig Personen.

Auch die inhaltliche Gestaltung wurde erneuert: Eine Weltkarte zeigt unter der Überschrift „Eine Idee geht um die Welt …“ ausgewählte Statistiken zur globalen Verbreitung der Genossenschaften. Derzeit sind rund ein Zehntel der Menschheit in dieser Wirtschaftsform organisiert, Tendenz steigend. Neun Handkreise stellen dem interessierten Besucher Länderbeispiele vor. So sind in Indien, derzeit der bevölkerungsreichste Staat der Welt, 240 Mio. Personen in Genossenschaften organisiert. Aber auch in den sogenannten Entwicklungsländern Afrikas und Lateinamerikas ist diese Form wohl bekannt und bereichert das Wirtschaftsleben. In diesem Raum wird auch der erfolgreiche Antrag der Schulze-Delitzsch- und der Raiffeisen-Gesellschaft vorgestellt, der zum Eintrag auf der repräsentativen Liste des immateriellen Weltkulturerbes der UNESCO geführt hat.

Seit einigen Jahren bemüht sich die Schulze-Delitzsch-Gesellschaft besonders darum, Schüler für das Delitzscher Genossenschaftsmuseum und das Genossenschaftsthema zu begeistern.  In diesem Zusammenhang wurde im Jahr 2017 eine erste Schülergenossenschaft am Ort initiiert, die u.a. ein Schülercafé betreibt. Der eigentliche Sinn dieser Schülergenossenschaft besteht darin, den jungen Akteuren die Unternehmensform Genossenschaft praktisch und zugleich spielerisch näher zu bringen. Daraus kann sich durchaus auch ein berufliches Interesse entwickeln. Durch Vermittlung unserer Gesellschaft konnte die Gründungsphase der Schülergenossenschaft juristisch und inhaltlich beraten werden.

In Zukunft soll noch mehr Netzwerkarbeit geleistet werden. In diesem Zusammenhang fand im November 2019 ein Kooperationstreffen der Schulze-Delitzsch-Gesellschaft mit der Raiffeisen-Gesellschaft auf der Wartburg statt.

In einer gemeinsamen „Wartburg-Erklärung“ wurden Aktivitäten beider Gesellschaften vereinbart, wie unter anderem die Gestaltung einer „Landingpage“, gemeinschaftlich geplante Tagungen, Sonderveranstaltungen, Ausstellungen oder wissenschaftliche Projekte.

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