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Ländliche Entwicklung in Kolumbien dank regionaler Vermarktung


Ein Beitrag von Dr. Matthias Arzbach, DGRV-Projektleiter in Kolumbien und Olga Thiel, Junior-Referentin in der Abteilung Internationale Beziehungen beim DGRV


Der bewaffnete Konflikt in Kolumbien hat lange historische Wurzeln. Linksge­richtete Guerilla (FARC und ELN), rechte, paramilitärische Kräfte sowie gemeine (Drogen­)Kriminalität haben sich seit mehr als einem halben Jahrhundert fest im Land etabliert. Die Grenzen zwischen den Gruppierungen verschwimmen zunehmend und das lukrative Drogen­geschäft bleibt stets ein gemeinsamer Nenner. Der Staat ist mit der komple­xen Situation überfordert und gerade in abgelegenen Regionen des Landes wenig präsent.

Leidtragende dieses Konflikts ist die Zivilbevölkerung, vor allem Kleinbauern in ländlichen Gebieten. Zwischen 1985 und 2019 wurden über acht Millionen Menschen aus ihren Heimatregionen vertrieben, nur die wenigsten kehrten bislang zurück. Zu tief sind die Wunden, zu unsicher noch immer die Lage auf dem Land. Auch wenn seit 2016 ein Friedensvertrag zwischen der kolum­bianischen Regierung und der FARC besteht, hat sich die Lage nicht wirk­lich verbessert. Die zunehmende Zahl krimineller Kleingruppen, die das von der FARC hinterlassene Machtvakuum im ländlichen Raum nutzen, ist auf­grund der unüberschaubaren Situation ein neues, schwer zu kontrollierendes Problem.

Im Rahmen eines vom Bundesministe­rium für wirtschaftliche Zusammenar­beit und Entwicklung (BMZ) geförderten Projekts setzt sich der DGRV für lang­fristige Beschäftigungsmöglichkeiten im ländlichen Raum und die Stärkung lokaler Wirtschaftstätigkeit ein. Ziel ist dabei, die Auswirkungen der Bin­nenflucht in Kolumbien abzumildern. Gemeinsam mit der Partnerorganisa­tion Fundación CFA wird versucht, den Vertriebenen wieder eine dauerhafte Perspektive zu bieten. Binnenvertriebene sowie rückkehrende und fluchtgefährdete Menschen sol­len konkrete berufliche Möglichkeiten durch eine regional verankerte Wirt­schaftstätigkeit erhalten. Außerdem sollen Kleinbauern nachhaltige Alternati­ven zum Kokaanbau geboten werden.

Bestehende Genossenschaften stärken


Um eine nachhaltige Entwicklung in den Regionen anzustoßen, ist es in einem ersten Schritt wichtig, auf den bestehenden Strukturen vor Ort aufzu­bauen. In Kolumbien gibt es bereits eine Vielzahl kleiner, regionaler Agrargenos­senschaften und ähnlicher Zusammenschlüsse von Kleinbauern, allerdings fehlt es hier oft an Know­how. Daher werden die verschiedensten Schulun­gen und Beratungen angeboten: Von Managementkursen über die Klärung von Rechts­ und Steuerfragen bis hin zu Weiterbildungen über Buchführung oder Kostenrechnung für Agrarpro­dukte. Mit solchen Maßnahmen wer­ den vor allem auch Perspektiven für die Jugendlichen in den abgelegenen Regionen geschaffen, die ihre Zukunft zumeist in den städtischen Ballungsräu­men sehen.

In einem zweiten Schritt kann die Ein­gliederung der Produzentengruppen und Genossenschaften in sogenannte „Redes de Colaboración Solidaria“ – Netzwerke der solidarischen Zusam­menarbeit – angestrebt und damit die regionale Entwicklung weiter gefördert werden. Mit Größenvorteilen und Syner­gien verschiedener Wirtschaftssektoren können die Kleinbauern ihre Nachteile ausgleichen. Ein Beispiel ist die „Red Agrounida Suroeste“ im Südwesten der Provinz Antioquia, ein Zusammen­schluss von fast 400 Produzenten und mehr als 300 Familien aus 13 Organi­sationen. Sie sind keine Konkurrenten mehr, sondern Verbündete, um in der Produktion, im Einkauf und im Absatz ihre Aktivitäten zu bündeln, etwa durch eine gemeinsame regionale Marke.

Auch wenn die Unterstützung der Klein­bauern bei der Produktion wichtig und notwendig ist, haben sich im Laufe der Projektarbeit der Vertriebsbereich und die Weiterverarbeitung als erfolgskriti­scher Faktor in der Wertschöpfungsket­te herausgestellt. Gerade Kleinbauern, die sich nicht in Genossenschaften oder Vereinigungen zusammengetan haben, sind meist den Zwischenhändlern aus­ geliefert. Sie müssen häufig unfaire Preisangebote akzeptieren, die oftmals nicht einmal die eigenen Produktions­kosten decken.

Kleinbauern bieten zudem meist nur unverarbeitete Produkte an, eine Chance auf einen größeren Anteil an der Wertschöpfung erhalten sie so kaum. Die Verlängerung der regiona­len Wertschöpfungskette kann insoweit eine Verbesserungsmöglichkeit sein. Allerdings setzt der Verkauf weiterver­arbeiteter Lebensmittel einen oft langwierigen und kostenträchtigen Prozess der Genehmigung durch die nationale Zulassungsstelle für Lebensmittel und Arzneien voraus. Auch hier setzt das Projekt des DGRV an: Die Kleinbau­ern werden auf der Grundlage der Good Agricultural Practice und der Good Manufacturing Practice beraten, damit sie ihre verarbeiteten Produkte an Supermärkte verkaufen können.

Ein weiteres Hindernis für die nachhal­tige wirtschaftliche Entwicklung stellen die Zahlungsziele der Supermärkte dar. Sie liegen in der Regel bei 45 bis 60 Tagen. Dies ist insofern ein Problem als die Kleinbauern ihren Betrieb kontinu­ierlich fortführen müssen und die damit verbundenen finanziellen Belastungen nicht so lange überbrücken können.

Im Rahmen des Projekts wurde daher ein Vorfinanzierungsfonds entwickelt, der von der kolumbianischen Kredit­genossenschaft Cooperativa Financiera (CFA) aufgelegt wurde. Ein Factoring, also Forderungsankauf durch die Kre­ditgenossenschaft CFA, ermöglicht die Zahlung an die Produzenten unmittel­bar und abschlagsfrei und überbrückt so die Zahlungsziele der Supermärkte. Der Fonds ist zwar klein, er ist aber aufgrund des hohen Umschlags sehr wirksam.

Auch in Kolumbien kamen nationale und internationale Lieferketten in der Corona­-Pandemie rasch zum Erliegen. Breiten Bevölkerungsschichten wurde damit die Relevanz lokaler und regiona­ler Produktion und Versorgung bewusst. Ob sie in Zukunft willens sein werden, für lokale Produkte manchmal auch höhere Preise zu akzeptieren, ist den­ noch fraglich. Auch Produkte aus bio­logischem Anbau setzen sich in Kolum­bien aufgrund der höheren Preise nur langsam am Markt durch.

Um ein Bewusstsein für regionale Produkte bei den Konsumenten zu schaffen, werden im Rahmen des Projekts auch neue Vermarktungswege erschlossen. Durch die Einführung einer lokalen Marke – „Consumo lo Nuestro“ (sinngemäß: „Ich konsumiere unsere eigenen Produkte“) – werden regionale Erzeugnisse beworben. Unter dieser Marke werden die durch die Projektpartner erzeugten Produkte auch im genossenschaftlichen Supermarkt CONSUMO in Kolumbiens zweitgrößter Stadt Medellín vertrieben. Um die Konsumenten gezielt auf die regionale Marke aufmerksam zu machen, werden die Produkte meist von der übrigen Ware getrennt und von speziell trainierten Verkäuferinnen als „Produkte mit einer Geschichte“ aus der Region angeboten.

Auch wenn gerade in Gebieten mit hohem Sicherheitsrisiko und anhalten­ den bewaffneten Konflikten solche unterstützenden Maßnahmen nicht immer leicht zu realisieren sind, so kann unser Projektteam in Kolumbien den­ noch auf erfolgreiche Jahre zurückbli­cken.


Einen Überblick zu unserer Projektarbeit in Kolumbien finden Sie hier.

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