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Mit Hilfe zur Selbsthilfe gegen den Opiumanbau


Wie Fair Trade-zertifizierter Kaffee aus Myanmar die Drogenbekämpfung unterstützt und Lebensbedingungen verbessert

3. Juli 2021


In den abgelegenen Bergregionen des südlichen Shan-Staats in Myanmar wird seit langem Schlafmohn angebaut. Vor allem die Grenzregion zwischen Thailand, Myanmar und Laos, das sogenannte „Goldene Dreieck“, ist nach Afghanistan seit Jahrzehnten als die größte Opium-Produktionsstätte der Welt bekannt. Etwa ein Viertel des weltweit verfügbaren Schlafmohns wird dort angebaut., zu Opium verarbeitet und schließlich illegal auch in Westeuropa vertrieben. Andauernde Konflikte zwischen ethnischen Gruppen und eine fehlende Einbindung in formale Wirtschaftsstrukturen stehen in engem Zusammenhang mit dem florierenden Handel mit dem Betäubungsmittel. Der illegale Anbau ist für die Bauern zwar vergleichsweise lukrativ, jedoch wenig nachhaltig und mit hohen Risiken für sie und ihre Familien behaftet.


Foto: Mitglied der Genossenschaft bei der Kaffeeernte (Foto: Jaime Perez, UNODC)

Aus diesem Grund hat das Büro der Vereinten Nationen für Drogen und Verbrechensbekämpfung (United Nations Office on Drugs and Crime, UNODC) mit finanzieller Unterstützung aus Deutschland, Finnland und der Schweiz seit 2015 ein Gemeinschaftsprojekt initiiert, welches den Kaffeeanbau als alternatives marktwirtschaftliches Konzept zur Reduzierung des Opiumanbaus fördert. Mehr als 900 Familien in über 50 Dörfern aus der schwer zugänglichen und gering entwickelten Bergregion sind an dem Projekt beteiligt. Der Anbau des „Cash-Crops“ Kaffees wird als gewinnbringende und mit weniger Risiko behaftete Alternative zum Anbau von Schlafmohn gesehen.

Entsprechend des „Hilfe zur Selbsthilfe“-Ansatzes schlossen sich die Bauern 2017 zu einer Genossenschaft, der Green Gold Cooperative, zusammen – ganz nach dem Motto: „Was einer nicht schafft, das vermögen viele“. Denn insbesondere um die Kaffeekirschen zu veredeln, die nötigen Qualitätsstandards zu halten und um den Kaffee gewinnbringend vermarkten zu können, bedarf es der Zusammenarbeit in Form einer Arbeitsgemeinschaft. Maschinen werden gemeinsam genutzt und Fachwissen wird unter den Mitgliedern geteilt. Die Bündelung ihrer Kräfte führt bei den Bauern zu Kostenersparnissen. Den beteiligten Familien wird so eine Chance geboten, am Wirtschaftskreislauf teilzunehmen und sich über legale Wege ein gutes Einkommen zu sichern. Dies sieht auch Vorstandsvorsitzende Frau Nag Pan Phyu so:


„Als Mitglieder der Genossenschaft können wir zusammenarbeiten. Wir haben gemeinsam die Verantwortung für unsere Produkte, wir können uns selbständig beteiligen und wir können unser Geschäft selbst verwalten. Als Mitglieder tragen wir die Gewinne und Verluste gemeinsam. Zusammen haben wir einen Arbeitsplan erstellt, neue Märkte erschlossen und Käufer gefunden.“


Das Resultat zeigte sich rasch: Durch die Vermittlung von UNODC kam der Kontakt mit dem großen französischen Handelsunternehmen Malongo zu Stande. Malongo unterstützte die Bauern mit Knowhow beim Anbau und zeigte sich schnell überzeugt von der guten Qualität und dem Geschmack des genossenschaftlichen Kaffees. In Partnerschaft mit dem Unternehmen wird der Kaffee mittlerweile auch nach Europa exportiert und findet dort seinen Weg in die Tassen der Konsumenten. 2018 wurde der erste Container mit mehr als 19 Tonnen Rohkaffee auf den Weg gebracht. In Europa kommt die Qualität des Kaffees gut an: Zwei Jahre später waren es bereits fast 100 Tonnen, die nach Frankreich verschifft wurden. Der Erfolg kommt bei den Mitgliedern der Genossenschaft an, bestätigt Vorsitzender des Green-Gold-Komitees Herr U Maung Khun:


„Wir waren einige Jahrzehnte lang Opiumbauern. Zu dieser Zeit mussten wir mir der Angst leben. Zwar sind wir noch in der Anfangsphase, aber heute verdienen wir Geld mit unserem Kaffee. Wir sind glücklich und können durch den gemeinsamen Kaffeeanbau zufrieden in die Zukunft schauen. Denn die Kaffeeplantagen werden auch unseren Kindern zukünftig den Lebensunterhalt ermöglichen“.


Doch die Mitglieder wussten, dass sich ihre Genossenschaft nicht auf den ersten Früchten ihrer Arbeit ausruhen kann, wenn sie langfristig kompetitiv und nachhaltig wirtschaften will. Gerade bei Kaffee legen viele Absatzmärkte in Europa Wert auf fairen Handel und eine angemessene finanzielle Beteiligung der Produzenten. Dies im Blick, lies die Genossenschaft Anfang 2019 ihren Kaffee mit dem Fair-Trade-Siegel zertifizieren.

Für die Mitglieder der Genossenschaft ist das ein großer Erfolg, den sie mit viel Mühe erreicht haben. Denn die Einhaltung der Standards ist kein leichtes Unterfangen für die Produzenten. Bisher sind sie es nicht gewohnt gewesen, systematisch zusammenzuarbeiten. Konstante Trainings- und Aufklärungsarbeit ist vonnöten gewesen, um ein Verständnis für die unterschiedlichen Regeln zu entwickeln. Doch die Anstrengungen haben sich ausgezahlt. Die Produzenten bekommen nun vom europäischen Importeur unabhängig von den internationalen Märkten einen Mindestpreis garantiert. Zu dem Verkaufspreis wird ihnen zudem eine Prämie gezahlt. Für Vorstandsmitglied Khun Thein Aung liegen die vielseitigen Vorteile des Fair-Trade-Siegels auf der Hand:


„Durch die Fair-Trade-Zertifizierung wissen wir nun, wie wir unsere Umwelt lieben und erhalten können, und wir wissen, dass wir keine chemischen Pestizide, Fungizide und Herbizide verwenden dürfen. Dank der Zertifizierung können unsere Produkte leichter verkauft werden als andere nicht-zertifizierte Produkte. Mit der Prämie können wir zudem soziale Aktivitäten in unseren Gemeinden durchführen und unsere Arbeit nachhaltiger gestalten.“


Eine wichtige Anforderung bei der Fair-Trade-Zertifizierung ist, dass die Bauern bei der Aufteilung und Nutzung der Fair-Trade-Prämie einbezogen werden. Mit ihren demokratischen Entscheidungsstrukturen hilft die Genossenschaft ihnen dabei, Gehör bei den Händlern zu finden. Denn in einer Genossenschaft sind die Mitglieder Inhaber des Unternehmens. Sie erhalten Einblicke in die Geschäftsentwicklung und können an größeren Entscheidungen im Rahmen der Hauptversammlung teilhaben und ihre Stimme einbringen. Das schafft Transparenz und Vertrauen sowie einen Gemeinschaftssinn – nicht selbstverständlich in einer traditionell von ethnischem und familiären Zugehörigkeitsgefühl geprägten Region.


Foto: Ankündigung der Wahl neuer Vorstands-Mitglieder, Generalversammlung 2019 (Marc-André Zach, DGRV)

Dennoch bleibt die Zusammenarbeit als Genossenschaft nicht ohne Herausforderungen. Die Mitglieder mussten sich an die strukturierte Zusammenarbeit erst gewöhnen. Normalerweise kommen die Händler ins Dorf und nehmen die Roherzeugnisse direkt von den Produzenten ab. Die Qualität war nachranging – die Preise wurden direkt vor Ort verhandelt. Nun müssen die Mitglieder an regelmäßigen Treffen teilnehmen und sich gemeinsam um die hohen Qualitätsstandards und die Fair-Trade-Zertifizierung kümmern. Zudem fehlt insbesondere den Vorständen die notwendige Erfahrung und Vorbildung, um ihre Funktion effektiv wahrzunehmen. In enger Zusammenarbeit mit UNODC unterstützt der DGRV – Deutscher Genossenschafts- und Raiffeisenverband e. V. die junge Genossenschaft daher mit unterschiedlichen Trainings- und Beratungsmaßnahmen. Neben der Ausbildung der Vorstände steht hier die Vertrauensbildung der Genossenschaftsmitglieder untereinander im Vordergrund.

Neben dem höheren Einkommen trägt die Zusammenarbeit in der Genossenschaft auch zu einem friedlicheren Zusammenleben in der von ethnischen Konflikten gezeichneten Region bei. Die Mitglieder kommen aus zwei unterschiedlichen Volksgruppen, den Pao und den Shan, deren Verhältnis historisch begründet belastet ist. Deshalb ist Frau Nang Htwe froh über ihre Mitgliedschaft in der Genossenschaft, die ihr nicht nur ein besseres Einkommen durch die Fair-Trade-Zertifizierung ermöglicht, sondern auch ein freundlicheres Zusammensein zwischen den Volksgruppen:


„Ich sehe, wie unsere Kinder zusammenspielen und fühle mich sicherer und meinen Nachbarn näher trotz unterschiedlicher Dialekte, nachdem ich Mitglied bei der Green Gold Cooperative geworden bin. Ich bin froh, dass wir auf die Genossenschaft zählen können, uns beim Kaffeeanbau zu helfen.“


Derzeit befindet sich Myanmar neben einer politischen auch in einer schweren Wirtschaftskrise, die auch die Genossenschaft betrifft. In vielen Regionen des Landes brechen Lieferketten zusammen oder sind gelähmt. Die Genossenschaft Green Gold sorgt sich um die gegenwärtige Lage, denn immerhin betrifft die Entwicklung die finanzielle Situation von rund 900 Mitgliedern und ihren Familien. Doch der neue Zusammenhalt half der Genossenschaft, trotz der Krise den zertifizierten Kaffee der letzten Ernte zu exportieren. Sie ist für die Mitglieder ein Stabilitätsanker in unruhigen Zeiten – das Fair-Trade-Siegel ein Garant, dass die Erlöse auch bei den Bauern ankommen.


Ein Beitrag der Abteilung Internationale Beziehungen des DGRV

Autoren:
Marc-André Zach, Projektleiter des DGRV-Projekts in Myanmar / Korbinian März, DGRV Referent für Myanmar und Indien und Koordinator der IRU – Internationale Raiffeisen Union.

Seit über 30 Jahren fördert die Abteilung Internationale Beziehungen (AIB) des DGRV – Deutscher Genossenschafts- und Raiffeisenverband e. V. als Teil der deutschen Entwicklungszusammenarbeit genossenschaftliche Strukturen weltweit. Die vor allem mit Unterstützung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) durchgeführten Projekte haben zum Ziel, die Teilhabe am Wirtschaftsleben benachteiligter und marginalisierter Bevölkerungsschichten zu erhöhen und dadurch die Armut vorwiegend im ländlichen Raum zu verringern.

Mehr Informationen zur Projektarbeit in Myanmar und in anderen Ländern finden Sie hier.

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